04.04.06

auf der reise - irrewerden

Die Unterkunft zur Zwischenübernachtung war einige Kilometer ausserhalb des Ortes. Uns war ziemlich bitterkalt und müde waren wir auch. Also nur schnell irgendetwas essen. Und so fanden wir uns am Freitagabend in einer dörflichen, einfachen Gaststätte. Die Bedienung war ziemlich grob, das Essen ebenso. Feinheiten waren hier nicht gefragt und wurden nicht geboten.

Geboten wurde uns aber ein Einblick. Wir sassen in einem kleineren Zimmer, das vom eigentlichen Gaststättenraum nur durch eine dünne, in der oberen Hälfte verglaste Wand getrennt war. Damit war alles zu sehen und zu hören. Wir sahen und hörten - einen Vereinsabend. Kälte und Müdigkeit, grobe Bedienung und schlechtes Essen machen nun den Blick nicht unbedingt mild und weich, eher gibt es ihm eine geschliffene Messerschärfe.

Wir sahen das Präsidium, das Eintreffen der Teilnehmer, die Begrüssungen, das Blumenüberreichen, das stolze Aufstellen zum Photographieren, hörten die Abrechnung des Vorjahres, die Danksagungen, die Vorhaben für das kommende Jahr.

Im Grunde sahen wir anderes. Das Wichtigtuen und Wichtigseinwollen, das unbedingte Beachtetsein- und unreflektierte Dazugehörenwollen. Diesen dummen Stolz über öffentlich ausgesprochenen Dank der oberen Wichtigtuer an die unteren Wichtigseinwoller. Diese selbstzufriedene Genugtuung der oberen Wichtigtuer über die Unterordnung, die ihnen die unteren Wichtigseinwoller entgegenbringen. Die Geistlosigkeit.

Was währenddessen immer deutlicher wurde, war, dass die Ost- und Westdeutschen, deren Sozialverhalten sich in den Jahrzehnten der getrennten Lebenswelten so unterschiedlich entwickelte, dass sie einander oft nur schwer oder garnicht verstehen können, völlig identisch geblieben sind in der Vereinsmeierei, in diesen Abläufen, Verhaltensweisen, Gesten, Worten. Das gibt's doch nicht.